Kelly-Kriterium â optimale PositionsgröĂe aus Statistik
Wie viel deines Kontos solltest du pro Trade riskieren, wenn du Win-Rate und durchschnittliches Gewinn-Verlust-VerhĂ€ltnis kennst? Das Kelly-Kriterium liefert eine mathematische Antwort: die Risikofraktion, die langfristig das logarithmische Wachstum maximiert. Der Kelly-Kriterium-Rechner auf indicator.trading berechnet Full Kelly, Half-Kelly und Quarter-Kelly â damit du siehst, was die Formel empfiehlt und was in der Praxis ĂŒberlebensfĂ€hig ist.
Kelly ist kein Ersatz fĂŒr Disziplin oder Chart-Analyse. Es ist ein Statistik-Werkzeug fĂŒr Trader mit dokumentierter Edge â und eine Warnung vor Ăberoptimierung. Dieser Leitfaden erklĂ€rt die Formel, die Varianten und warum die meisten Profis bewusst unter Kelly bleiben.
Was ist das Kelly-Kriterium?
Entwickelt von John L. Kelly Jr. (1956), ursprĂŒnglich fĂŒr InformationsĂŒbertragung â spĂ€ter adaptiert fĂŒr Wetten und Trading. Die Kernfrage:
Welcher Bruchteil des Kapitals maximiert das erwartete logarithmische Wachstum ĂŒber viele identische Wetten?
Im Trading ĂŒbersetzt:
- W = Win-Rate (Trefferquote, 0â1)
- R = durchschnittliches Gewinn-Verlust-VerhÀltnis (avg. Win ÷ avg. Loss, in Geld oder R)
Kelly-Fraktion f = W â (1 â W) / R*
Ergebnis als Dezimalzahl â z. B. 0,15 = 15 % des Kontos als Risiko pro Trade laut Full Kelly.
đĄ Nice to Know: Kelly maximiert langfristiges Wachstum, nicht kurzfristigen Komfort. Es akzeptiert Drawdowns, die die meisten Menschen psychologisch nicht aushalten.
Kelly berechnen â Schritt fĂŒr Schritt
Beispiel 1: Solides Swing-System
- Win-Rate: 45 % â W = 0,45
- Avg. Win / Avg. Loss: 2,0 â R = 2
f* = 0,45 â (1 â 0,45) / 2
f* = 0,45 â 0,55 / 2
f* = 0,45 â 0,275 = 0,175 = 17,5 %
Full Kelly empfiehlt 17,5 % Risiko pro Trade â fĂŒr die meisten Konten viel zu aggressiv (siehe unten).
Beispiel 2: Hohe Win-Rate, kleines R:R
- Win-Rate: 60 % â W = 0,60
- R = 1,0 (Gewinne so groĂ wie Verluste im Schnitt)
f* = 0,60 â 0,40 / 1,0 = 0,20 = 20 %
Trotz 60 % Win-Rate ist Full Kelly hoch â weil ein Verlust bei 20 % Risiko massiv weh tut.
Beispiel 3: Negatives Edge
- Win-Rate: 40 %, R = 1,5
f* = 0,40 â 0,60 / 1,5 = 0,40 â 0,40 = 0
Kelly sagt: Nicht wetten â kein positiver Erwartungswert bei dieser Kombination.
Der Rechner setzt negative Werte auf 0 â du solltest dann Setup oder Statistik verbessern, nicht die PositionsgröĂe erhöhen.
đŻ Pro Tipp: Win-Rate und R aus mindestens 50â100 Trades desselben Setups â nicht aus drei Wochen oder einem Backtest ohne Kosten.
Die Kelly-Formel und der Erwartungswert
Kelly > 0 genau dann, wenn der Erwartungswert positiv ist:
Erwartungswert (in R) = W Ă R â (1 â W)
Positiv wenn W Ă R > 1 â W, Ă€quivalent zu W > 1/(1+R) â das ist die Break-even Win-Rate aus dem Risk-Reward-Rechner.
Kelly und Erwartungswert sind zwei Seiten einer Medaille:
- Erwartungswert sagt: âLohnt sich das System?"
- Kelly sagt: âWie viel davon soll ich riskieren?"
Full Kelly â warum fast niemand es nutzt
Full Kelly maximiert theoretisches Wachstum â aber mit extremer VolatilitĂ€t:
- Drawdowns von 50 %+ sind im Kelly-Modell möglich
- Eine Win-Rate-SchĂ€tzung um 5 % daneben â empfohlene Fraktion springt stark
- Sequenz-Risiko: Verlustserie trifft auf groĂe Fraktionen
Professionelle Fonds und erfahrene Trader nutzen deshalb Fractional Kelly â einen Bruchteil der Formel.
â ïž Achtung: Full Kelly im Live-Trading ist fĂŒr die meisten ein schneller Weg zum Margin Call â nicht weil die Mathematik âfalsch" ist, sondern weil Inputs unsicher sind und Menschen Drawdowns nicht linear ertragen.
Half-Kelly â der Praxis-Standard
Half-Kelly = f Ă· 2*
Beispiel: f* = 17,5 % â Half-Kelly = 8,75 %
Half-Kelly gibt etwa 75 % des Kelly-Wachstums bei deutlich geringerer VolatilitĂ€t â ein gĂ€ngiger Kompromiss in Literatur und Praxis.
Vorteile:
- Puffer gegen falsch geschÀtzte Win-Rate
- ErtrÀglichere Drawdowns
- Immer noch aggressiver als klassische 1-%-Regel
Half-Kelly lohnt sich nur, wenn deine Statistik robust ist. Bei unsicherer Edge ist selbst Half-Kelly zu viel.
Quarter-Kelly â konservativer Statistik-Ansatz
Quarter-Kelly = f Ă· 4*
Beispiel: f* = 17,5 % â Quarter-Kelly = 4,375 %
Quarter-Kelly liegt nĂ€her an aggressivem Retail-Risk (2â4 %), bleibt aber an die Edge gekoppelt. Viele quantitativen Trader starten hier und skalieren erst nach Out-of-Sample-Validierung.
Vergleich bei f* = 20 %:
| Variante | Risiko pro Trade | |----------|------------------| | Full Kelly | 20,0 % | | Half-Kelly | 10,0 % | | Quarter-Kelly | 5,0 % | | Klassische 1-%-Regel | 1,0 % (fix, statistik-unabhÀngig) |
Die 1-%-Regel ist nicht Kelly â sie ist eine Daumenregel zum Ăberleben. Kelly ist statistik-basiert und kann höher oder niedriger ausfallen.
Kelly vs. festes prozentuales Risiko
| Ansatz | Vorteil | Nachteil | |--------|---------|----------| | Fest 1 % | Einfach, robust, anfÀngerfreundlich | Ignoriert Edge-StÀrke | | Kelly | Skaliert mit nachgewiesener Edge | Sensibel auf SchÀtzfehler | | Half/Quarter-Kelly | Balance Wachstum/StabilitÀt | Braucht gute Daten |
Empfehlung fĂŒr die meisten:
- Start mit 0,5â1 % fest (PositionsgröĂen-Rechner)
- Nach 100+ Trades: Kelly berechnen
- Wenn f* > 0: Quarter-Kelly als Obergrenze prĂŒfen, nicht Full Kelly
- Nie ĂŒber 2 % ohne institutionelles Risk-Framework
Mehr Hintergrund in Position Sizing.
Win-Rate und R:R richtig messen fĂŒr Kelly
Win-Rate (W)
- Nur Trades eines Setups
- Gleiche Regeln wie im Backtest
- Verluste durch Regelbruch ausschlieĂen oder separat fĂŒhren
R (avg. Win / avg. Loss)
Kelly nutzt durchschnittliche Gewinne und Verluste in Geld â nicht das geplante R:R.
Unterschied:
- Geplantes R:R: 1:3
- Realisiert: Gewinner frĂŒh geschlossen â avg. Win / avg. Loss vielleicht 1:1,2
Kelly mit geplantem 1:3 ĂŒberschĂ€tzt f*, wenn du live schlechter ausfĂŒhrst. Nutze realisierte Werte aus dem Journal.
AusreiĂer
Ein 10R-Gewinn verzerrt avg. Win. Median-basierte Varianten existieren â fĂŒr den Einstieg: AusreiĂer markieren und SensitivitĂ€t prĂŒfen (Kelly mit und ohne Top-Trade).
Praxisbeispiele durch den Rechner
Trendfolge-System
- W = 38 %, R = 2,5 (avg. Win / avg. Loss)
- f* = 0,38 â 0,62/2,5 = 0,38 â 0,248 = 0,132 â 13,2 %
- Half-Kelly: 6,6 %
- Quarter-Kelly: 3,3 %
Quarter-Kelly passt zu erfahrenerem aggressivem Trading â Full Kelly wĂ€re Selbstmord bei Verlustserie.
Scalping-System
- W = 58 %, R = 0,9 (kleine Gewinne, etwas gröĂere Verluste im Schnitt)
- f* = 0,58 â 0,42/0,9 = 0,58 â 0,467 = 0,113 â 11,3 %
Positiver Kelly trotz R < 1 â weil Win-Rate hoch genug. Trotzdem: Spread und Slippage im R einrechnen, sonst f* zu hoch.
No Edge
- W = 35 %, R = 1,2
- f* = 0,35 â 0,65/1,2 â â0,19 â 0
System nicht traden â egal wie gut das Chart aussieht.
Kelly und Drawdown-Erholung
Hohe Kelly-Fraktionen erzeugen tiefe Drawdowns â und Drawdowns brauchen ĂŒberproportionale Erholung (siehe Drawdown-Erholungs-Rechner).
Beispiel: 10 % Risiko pro Trade, zehn Verluste â weit ĂŒber â50 % möglich â +100 %+ Recovery.
Kelly ohne Drawdown-Bewusstsein ist gefĂ€hrlich. Fractional Kelly existiert, um unter der theoretischen Optimum-Kurve zu bleiben â nicht drĂŒber.
HĂ€ufige Fehler mit Kelly
Backtest-Win-Rate als Wahrheit
Overfitting: 65 % im Backtest, 42 % live â Kelly war zu hoch.
Geplantes statt realisiertes R:R
ĂberschĂ€tzt f* systematisch.
Kelly auf das gesamte Vermögen anwenden
Nur Trading-Kapital â nicht Miete, Notgroschen, Altersvorsorge.
Kelly bei korrelierten Trades
Kelly setzt oft unabhĂ€ngige Wetten voraus. FĂŒnf gleichzeitige EUR-Paare-Trades sind kein fĂŒnffaches Kelly-Risiko â aber fast so korreliert. Portfolio-Risiko begrenzen.
Full Kelly âweil die Formel es sagt"
Die Formel maximiert Log-Wachstum â nicht deine Nerven.
Kelly und mehrere parallele Positionen
Wenn du mehrere uncorrelated Setups hast, existieren multivariate Kelly-Modelle â fĂŒr Retail unpraktisch. Praktische Regel:
- Pro Setup Kelly/4 berechnen
- Summe der gleichzeitigen Risiken deckeln (z. B. max. 3 % gesamt)
Der PositionsgröĂen-Rechner arbeitet pro Trade â du aggregierst im Kopf oder Journal.
So nutzt du den Kelly-Kriterium-Rechner
- Win-Rate (%) aus Journal oder validiertem Backtest
- Avg. Win / Avg. Loss â realisierte VerhĂ€ltnisse, nicht Wunsch-R:R
- Full Kelly ablesen â theoretische Obergrenze
- Half-Kelly und Quarter-Kelly als praktische Bandbreite
- Mit PositionsgröĂen-Rechner in Lots/StĂŒck umsetzen
Wenn Kelly 0 ist â Strategie verbessern, nicht GröĂe suchen.
Wenn Quarter-Kelly > 2 % â Statistik nochmal prĂŒfen â selten sind so aggressive Fraktionen gerechtfertigt.
Kelly im Kontext deines Trading-Plans
Kelly beantwortet nicht:
- Wo Entry und Stop liegen
- Ob der Markt gerade zu deinem Setup passt
- Ob du psychologisch stabil tradest
Kelly beantwortet eine Frage: Gegeben meine historische Edge â welcher Risiko-Bruchteil wĂ€re mathematisch optimal?
Die Antwort ist oft höher als 1 % â und genau deshalb solltest du unter Kelly bleiben. Half-Kelly und Quarter-Kelly sind keine SchwĂ€che, sondern Anerkennung, dass:
- Win-Rate geschÀtzt, nicht bekannt ist
- Drawdowns teuer sind
- Ăberleben Voraussetzung fĂŒr Compounding ist
Fazit: Kelly als Kompass, nicht als Gaspedal
Das Kelly-Kriterium verbindet Risk-Reward und Position Sizing mit harter Statistik. Full Kelly ist die Theorie â Fractional Kelly ist die Praxis.
Trage deine ehrlichen Zahlen ein. Wenn f* positiv und Quarter-Kelly bei 2â3 % liegt, hast du möglicherweise echte Edge â skaliere langsam. Wenn f* bei 25 % liegt, ist die Formel kein Freifahrtschein fĂŒr 25 % Risiko; sie ist ein Hinweis, dass deine Statistik nochmal gegen externe RealitĂ€t geprĂŒft werden muss.
Mathematik maximiert Wachstum. Gutes Trading maximiert die Zeit, in der du ĂŒberhaupt am Markt bleibst.
